18.5.2 Vertiefung: Umweltveränderungen

Nun führen wir zwei Bedingungen (Nullgewinnbedingung und Vollbeschäftigung) und deren grafische Darstellung ein, die das Handelsgleichgewicht bestimmen. Mit Hilfe dieser Bedingungen können wir die Umweltveränderungen für das Heckscher-Ohlin-Modell analysieren.

Wie ganz zu Anfang eingeführt, nehemn wir an, dass beide Länder Produktionstechnologien besitzen, die durch konstante Skalenerträgen charakterisiert sind. Eine Implikation solcher Produktionsfunktionen (siehe das Kapitel über Produktionsfunktionen) ist, dass die Grenzkosten und die Durchschnittskosten gleich den Einheitskosten (eng. unit cost) sind: MC = AC = c(w,r), wobei die c(w,r) für die Einheitskosten, dh. die Produktionskosten einer Gütereinheit, steht, die von Lohnsatz und Zinssatz anhängig sind.

  1. Nullgewinnbedingungen (eng. zero-profit-conditions ZPC)

    Wenn beide Länder im Handelsgleichgewicht beide Güter produzieren, dann folgt aus der Annahme der vollständigen Konkurrenz und der Gleichheit von Grenz- und Einheitskosten, dass in beiden Ländern die Nullgewinnbedingungen in beiden Industrien (ZPC) gleichzeitig erfüllt sein müssen. Aufgrund der Annahme der konstanten Skalenerträge können wir schließen, dass die Nullgewinnbedingungen dann erfüllt sind, wenn der Preis gleich den Einheitskosten ist.

    Die Nullgewinnbedingung für die Textillienindustie lautet:

    pC = MCC = cC(w,r) = aLCw + aKCr.

    Der Preis von Lebensmittel ist auf pF = 1 normiert, so dass die Nullgewinnbedingung für die Lebensmittelindustrie lautet :

    1 = MCF = cF (w,r) = aLF w + aKF r.

    Die Nullgewinnbedingungen beinhalten alle (w,r)-Kombinationen, für die der Preis gleich die Einheitskosten ist. Da Lohn- und Zinssatz innerhalb eines Landes gleich sind (vollkommene Arbeits- und Kapitalmärkte), kann man mit Hilfe der ZPC Lohn- und Zinssatz bestimmen.

    Dazu zeichnen wir die die Isoquanten ZPCC und ZPCF in ein r wDiagramm. Der Schnittpunkt der beiden Isoquanten bestimmt den Lohn- und Zinssatz im Gleichgewicht. Die Steigung der Isoquante für die Textilindustrie ist (aLC aKC), für die Lebensmittelindustrie (aLF aKF). Diese Darstellung heißt Woodland-Mussa-Diagramm.

    Da die Textilindustrie kapitalintensiv ist, gilt: aLC aKC < aLF aKF, d.h. die steilere ZPC-Kurve bildet die arbeitsintensive Industrie ab.

    Mit Hilfe des Woodland-Mussa-Diagramms kann man die Folgen des Freihandels sehr schön sehen: Steigt der Preis für Textilien (das ist gleichbedeutend mit dem Sinken der Lebensmittelpreise), so verschiebt sich die ZPC der Textilindustrie nach oben. Durch den Freihandel steigt der relative Preis für Textillien in Inland, da Inland ein kapitalreiches Land ist und Textillien eine kapitalintensive Industrie ist. Die ZPCKurve für die Textilindustrie verschiebt sich nach oben. Wie das Stopler-Samuelson-Theorem besagt, steigt dadurch der Zinssatz und der Lohnsatz sinkt. In Ausland passiert das Gegenteil: der relative Textillienpreis sinkt, der Zinssatz sinkt und der Lohnsatz steigt.

  2. Vollbeschäftigungsbedingungen (eng. Full-employment-conditions)

    Die Vollbeschäftigungsbedingungen besagen, dass in jedem Land beide Produktionsfaktoren vollständig eingesetzt werden, d.h. Arbeits- und Kapitalmarkt sind geräumt. Wir bezeichnen die Faktorausstattung des Inlandes mit Arbeit als L¯ und das in der Volkswirtschaft verfügbare Kapital mit K¯. Für das Ausland gilt entsprechendes mit der jeweiligen Kennzeichnung. Somit gilt für den Arbeismarkt:

    L¯ = LC + LF = aLCCp + aLF Fp,

    und für den Kapitalmarkt

    K¯ = KC + KF = aKCCp + aKF Fp,

    wobei Cp und Fp die Produktionsmengen von Textilien und Lebensmitteln bezeichnen. aLC(w,r) und aLF (w,r) sind nur von Faktorpreisen abhängig. Somit können die optimalen Produktionsmengen Cp und Fp bestimmt werden, die über aLC(w,r) und aLF (w,r) nur von Faktorpreisen und Faktorausstattungen abhängen.


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Prof. Dr. Christian Bauer, Lehrstuhl für monetäre Ökonomik, Universität Trier, D-54296 Trier, E-mail: bauer@uni-trier.de